Augsburg – Gefährlich sehen sie nicht aus. Keine Augenklappen, kein Papagei auf der Schulter. Auch die Schwerter fehlen. Doch die Flaggen sind gehisst – auf dem Augsburger Königsplatz. Einen Tag vor der Bundestagswahl blasen die Piraten zum Angriff, wollen ihre Wähler mobilisieren. Orange Transparente zieren den spärlichen Stand. Ihr Motto ist klar: „Klarmachen zum Ändern!“ steht auf den Flyern.
Viele Parteimitglieder sind gekommen, um mit zu helfen: Eifrig verteilen sie Flyer, fordern auf, morgen zur Wahl zu gehen. Fast unscheinbar steht der wohl prominenteste Pirat daneben. Jörg Tauss sieht müde aus. Ganz spontan hat er den Weg in die Fuggerstadt gefunden. Zunächst hat er allerdings nicht den eigenen Wahlstand im Blick: Fasziniert ist er von einem Werbebanner für Katzenfutter. „Das muss ich gleich an meine Katze twittern“, sagt der Bundestagsabgeordnete. Schnell ist das iPhone zur Hand und das Bild im World Wide Web verschwunden. „Auch in Augsburg geht der Punk ab…:) Richtig gut am Königsplatz. Neben dem Piratenstand baut Whiskas auf… Kandidieren die auch??“ schreibt er über den Kurznachrichtendienst.
Erst dann ist er, der seit 1994 im Bundestag sitzt, für Politik zu begeistern. „Die Piraten haben auf jeden Fall Potenzial, fünf Prozent oder mehr zu erreichen. Doch ob wir es schaffen, dieses Potenzial zu erschließen, wird sich erst morgen zeigen“. Vor allem in ländlichen Gebieten seien die Piraten noch nicht so bekannt. „Doch wir spielen auf jeden Fall eine Rolle in der Politik“, ist sich der ehemalige SPD-Abgeordnete sicher.
Die Piraten-Themen – Bürgerrechte stärken, Überwachungsstaat verhindern, Datenschutz sichern – stehen für ihn im Vordergrund. „Bei anderen Parteien sind das leider nur Randaspekte“, meint der 56-Jährige. Das war für ihn auch der Grund, nach 40 Jahren aus der SPD auszutreten, wie er sagt.
Inzwischen kommen immer mehr junge Menschen am orangefarbenen Stand vorbei. Sie wollen Informationen über die neue Partei – und Kugelschreiber. Diese sind sehr begehrt; wie kleine Kostbarkeiten liegen sie in einer Schatztruhe.
Auch Gerd Grüttner ist damit beschäftigt, den Piraten Stimmen zu sichern. Er ist Bezirksvorsitzender der Piraten in Schwaben. 300 Mitglieder seien es hier, 100 davon allein in Augsburg. „Wir wollen konkrete Dinge vor Ort verändern“, sagt Grüttner. Dazu gehört vor allem auch die Zusammenarbeit mit Jugendorganisationen. „Medienkompetenz wird in den Schulen zu wenig vermittelt. Wenn sich da nichts ändern, werden das die Piraten machen“, verspricht er. Man wolle hier mit dem Stadtjugendring zusammen arbeiten – auch, was Aufklärung über Rechtsextremismus betrifft. Genauso wolle man ältere Menschen „an die multimeldiale Welt heranführen“, sagt Grüttner.
Kritisch sieht der Pirat auch die Entwicklungen auf der Maximilianstraße. „Natürlich gibt es mehr Müll als sonst wo“, so Grüttner, „aber eine Sperrstunde ist die falsche Maßnahme“. Die Kulturszene würde so zu stark eingeschränkt werden.
Am Wahltag selbst wollen sich die Piraten auf dem Moritzplatz feiern – auch wenn es nicht für fünf Prozent reicht. Denn viel haben sie dennoch erreicht: Sie haben Menschen für ihre Themen wie Datenschutz sensibilisiert. Und motiviert: Von jetzt auf gleich ist die Piratenpartei die sechstgrößte Partei in Deutschland geworden und hat sogar die NPD längst überholt. (Dominik Mai)

[...] einen Artikel über den Wahlkampfabschluss der Piraten (mit Tauss!) in Augsburg geschrieben. [Link] Und heute.de berichtet von Wahlbriefen auf Abwegen [...]